Isas Reise

Viele Wege öffnen Augen
Gesundheit Reisen

Eine Agoraphobikerin auf Reisen

„Dann lass uns doch mitfahren!“ Ein Satz, den ich lange bereut habe und der mir schlussendlich doch so geholfen hat.

Der Anfang

Als mein Vater Mitte des Jahres verkündete, er wolle seinen Jahresurlaub diesmal an der Ostseeküste verbringen, befand ich mich gerade in einem Höhenflug. Denn einige Tage vorher hatte ich einen Kurztrip zu meiner Schwester hinter mir, der für mich im Nachhinein ein Schlüsselerlebnis war.

Über sieben Jahre lang hatte ich es nicht geschafft, außerhalb von zu Hause zu übernachten, an eine Reise war nicht zu denken. Gerade vor einigen Monaten hatte ich wieder meine ersten längeren Autofahrten absolviert, nachdem ich einige Jahre lang meine Heimaststadt nicht ohne Panikattacken verlassen konnte. Ich hatte mich, wie viele andere Ängstler auch, erfolgreich von meiner Angst einsperren lassen.

Irgendwann beschloss ich für mich, dass dies ein Ende haben muss und überwand mich zu der Fahrt ins etwa 400 Kilometer entfernte Ungewisse. Zwei Tage und zwei Nächte, die ich mit dem Gedanken, wirksame Medikamente und meine vertrautesten Menschen bei mir zu haben, überstand, ohne von ersterem Gebrauch machen zu müssen.

Wieder zu Hause angekommen, bekam ich plötzlich ein völlig neues Gefühl für meine Krankheit, beziehungsweise für einen Weg, diese endlich in den Hintern treten zu können. Mir öffneten sich Türen, von denen ich mir eigentlich sicher war, dass sie immer für mich verschlossen bleiben würden. Als mein Vater meiner besseren Hälfte und mir also anbot, ihn in den Urlaub zu begleiten, wurde ich übermütig und sagte zu.

Naturstrand Rügen

Die Vorbereitungen

Warum bist du so blöd gewesen und hast da zugesagt?!“

Diese Gedanken gingen mir fortan stets und ständig durch den Kopf. Ich war felsenfest der Überzeugung, zu vorschnell gewesen zu sein. Zumal mein Vater zu den Menschen gehört, für den psychische Erkrankungen nicht wirklich existieren und alsbald Nägeln mit Köpfen machte. Er mietete eine Ferienwohnung und prompt gab es kein Zurück mehr. Kein Zurück mehr – eine Tatsache, die mir in den nächsten Wochen den letzten Nerv raubte.

Bei dem Gedanken, eine ganze Woche sehr weit weg von meiner vertrauten Umgebung zu sein, kamen in mir sämtliche Ängste hoch. Die Angst vor der Derealisation und der Steigerung in die Panik, davor, krank zu werden, nicht schlafen zu können und davor, nicht schnell genug nach Hause zu kommen, wenn irgendetwas passieren sollte. Teilweise wachte ich morgens auf und war mir sicher, an diesem Tag eine Ausrede zu finden, weshalb ich nicht mitfahren könne.

Diese Wochen waren voller geheimer Tränen, schlaflosen Nächten und einfach nur Angst. Aber welcher gesunde Mensch versteht es schon, dass sich jemand vor einer Reise fürchtet? Mein Vater und meine bessere Hälfte wären zudem fürchterlich enttäuscht gewesen, hätte ich einen Rückzieher gemacht, denn eines darf man nicht vergessen: Mein Mann hat in den letzten Jahren ohne Zweifel mit mir mitgelitten. Er hat mich immer unterstützt, mich versucht zu verstehen und mich nie zu etwas gezwungen – und damit natürlich auch für seinen Teil auf Unternehmungen und Reisen verzichtet. Ihm zuliebe habe ich mich dann immer wieder aufgerappelt und irgendwie funktioniert, damit wir einen stressfreien Start in den Urlaub haben konnten.

Stralsunder Hafen

Was mir geholfen hat

Unverzichtbar war es für mich, ein Gefühl von Sicherheit durch Organisation zu haben. Ich schrieb Packlisten, besorgte mir BackUps aus Drogerie und Apotheke, kümmerte mich um ein Feriendomizil für unsere beiden Fellmonster und wollte einfach auf alles vorbereitet sein. Das schlug sich zwar in der Größe meiner Gepäckstücke nieder, aber hey – ich war immerhin die einzige von uns Dreien, die auf das schmuddelige Herbstwetter eingestellt war, das uns erwarten sollte.

Für den Hypochonder in mir war es zudem wichtig, bestimmte Symptome abklären zu lassen, damit ich mir während des Urlaubs nicht allzu viele Gedanken über „Aidskrebs“, „Thrombosenentzündungen“ oder „Ohrläppchenvereiterungen“ machen muss. Hat nur bedingt geholfen, aber immerhin hat mein Hausarzt mir zugehört, mir noch einmal erklärt, dass Psychopharmaka im Paniknotfall absolut vertretbar sind und dann schönen Urlaub gewünscht. Er hätte auch gerne welchen.

Ich wollte ihm anbieten, an meiner Stelle zu fahren, aber es keimten leichte Zweifel in mir auf, ob mein Mann und mein Vater dies für eine gute Idee hielten.

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Apropos Reisebegleitung: Meiner Erfahrung nach ist es extrem wichtig, jemanden bei sich zu haben, dem man sein vollstes Vertrauen schenkt. Es wäre für mich nach wie vor (noch) keine Option, mit nur Bekannten oder gar alleine zu reisen. Begleiter sollten euch unterstützen und wissen, wie sie mit euch umgehen können. Nur so erlangt man größtmögliche Sicherheit, die für das Wohlbefinden eine große Rolle spielt.

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Ebenfalls geholfen hat mir die weitestgehend anonyme Kommunikation über Betroffenenforen im Netz. Ich hatte vor und während des Urlaubs besonders dann, wenn ich richtig schlechte Momente hatte, Kontakt zu Anderen, die Ähnliches erlebt haben oder die das eigene Gefühlschaos nachvollziehen können. Das half und spendete Trost.

Ebenfalls von Belang war die Tatsache, dass ich nicht gezwungen wurde, an einen Ort zu fahren, der mir persönlich nicht gefällt oder mich nicht interessiert. Vor allem aber auch die Unterkunft musste passen. In unserer Ferienwohnung fühlte ich mich persönlich sehr wohl. Alles war sauber, gepflegt und modern. Hierher kam man am Abend gerne zurück. Damit das Feriendomizil keine böse Überraschung wird, sollte man im Vorfeld also gut recherchieren.

Seebad Binz

Die Reise

Nach einem Heulkrampf an einem schönen, aber viel zu frühen Septembermorgen gab es dann wirklich kein Zurück mehr. Ich saß tatsächlich im Auto auf dem Weg zu einem etwa sieben Stunden entfernten Reiseziel, an dem ich eine ganze Woche verbringen sollte. Mir war es wirklich mulmig zumute, ich hatte keinen Appetit und war fürchterlich aufgeregt.

Von der Rückbank vernahm man nur ein permanentes Rascheln stets ertönte die Frage: „Will jemand was?“. Anscheinend betraf das Ding mit der Appetitlosigkeit meinen Vater nicht. Die Fahrt verlief aber ohne Komplikationen, sogar ein Stau, der für Agoraphobiker in erster Linie „keine Fluchtmöglichkeit“ bedeutet, konnte mir nichts anhaben.

Die Ankunft war natürlich erstmal seltsam, da natürlich alles neu und fremd war. Dieses Gefühl, nicht völlig sicher in seiner Umgebung zu sein, ist alles Andere als angenehm, aber geht vorbei.

Insgesamt kann ich für die gesamte Reise erstaunlicherweise berichten: Es ist NICHTS von dem passiert, was ich zuvor befürchtet hatte.

Es gab Durchhänger, besonders in den ersten Tagen, wo ich am liebsten meinen Koffer gepackt und per Zug (und das will was heißen) alleine die Heimreise angetreten hätte. Derealisationszustände konnte mit Ablenkung gut abschütteln, sodass sie nicht in Panik gipfelten. Die Nächte überstand ich überraschender Weise ebenfalls gut, was einerseits an der gepflegten und gemütlichen Umgebung, andererseits aber auch an den Einschlafhelferlein (Baldrian; Schlafsterne) lag. Vielleicht aber auch einfach nur daran, dass wir tagsüber ausschließlich unterwegs waren, mein Vater uns jeden Morgen pünktlich um acht Uhr weckte (auf den alten Herrn ist sogar im Urlaub verlass, jawohl!) und ich am Abend schlichtweg ausgelastet und positiv k.o. war.

Silbermöwe

Hinterher

Das Gefühl, nach so vielen Jahren eine komplette Reise angetreten zu sein, ist unbeschreiblich. Es macht frei und eröffnet so viele Möglichkeiten und Wünsche. Letztes Jahr um diese Zeit war es für mich unvorstellbar, auch nur eine Nacht woanders als in meinem eigenen Bett zu verbringen. Jetzt bin ich vorsichtig optimistisch für einen allerersten, kurzen Flug im nächsten Jahr. Auch wenn ich weiß, dass ich wieder mindestens genau viel Angst davor haben werde. Und auch wenn ich mich zu Hause und in meiner vertrauten Umgebung nach wie vor sehr wohl fühle. Es ist nicht das einzige, was ich mein Leben lang sehen möchte.

Zusammenfassung:

  • Ihr könnt auch ohne Therapie und Medikamente an euch arbeiten und viel erreichen! Scheut euch aber nicht davor, Hilfe auszuprobieren und in Anspruch zu nehmen.
  • Fahrt nicht irgendwohin, sondern nur dorthin, wo ihr auch wirklich aus freien Stücken hin wollt! Macht das, was euch interessiert und lasst euch von Anderen inspirieren. Wie wäre es zum Beispiel mit Reisebloggern? Mir hat vor allem auch YouTube dabei geholfen, wieder den Wunsch zu entwickeln, über den eigenen Tellerrand zu schauen.
  • Nehmt Menschen mit, denen ihr vertraut und die euch kennen.
  • Fangt klein an! Kleine Schritte und Erfolgserlebnisse sind wichtig.
  • Organisiert euch gut und behaltet den Überblick, damit ihr euch sicherer fühlt (Listen führen, Pläne machen).

 

Traut euch!

Ein paar Infos zu Rügen

Angst und Panik Selbsthilfeforum

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