Isas Reise

Viele Wege öffnen Augen
Allgemein Gesundheit Lifestyle

Leben mit der Angst – Agoraphobie

„Tu stets das, was du zu tun fürchtest“

– Ralph Waldo Emerson

 

Seit vielen Jahren habe ich einen ständigen Begleiter, den ich an dieser Stelle gerne vorstellen möchte. Er ist vielen Menschen mehr oder weniger bekannt, andere kennen ihn vielleicht gar nicht.

Es geht um die Angst. Angst ist eigentlich eine normale und gesunde Reaktion des Körpers, die uns in Gefahrensituationen schützen soll. In manchen Fällen allerdings ist das Verhältnis zur Angst gestört und sie wird zur Krankheit. So auch bei mir.

Die Angst nimmt ihren Lauf

Bereits im Kindesalter merkte ich, dass ich mich in manchen, vorzugsweise ungewohnten Situationen besonders unwohl fühlte. Das konnte ein Besuch bei Bekannten sein, Veranstaltungen wie Turniere, die über mehrere Tage gingen oder allgemein Reisen. An meine erste Panikattacke, von der damals niemand wusste, dass es überhaupt eine war, kann ich mich heute noch erinnern. Es war im Zug auf der Rückreise von einem Familienurlaub, also in einer eigentlich völlig entspannten Umgebung. Ich war nicht allein, Zugfahren war mir bestens vertraut. Doch plötzlich hatte ich das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen, ich fühlte mich wie „nicht wirklich anwesend“ und verstand die Welt nicht mehr. Meine Familie und die Zugbegleiterin versuchten mich zu beruhigen, was ihnen dann irgendwann auch gelang.

Erst viel später wusste ich, dass dies meine vermutlich erste Panikattacke war.

Woher die Neigung zu Angst und Panik kommt, weiß ich nicht. Es gab keinen wirklichen Auslöser, ich hatte eigentlich eine normale Kindheit, bin behütet aufgewachsen und hatte keine traumatisierenden Erlebnisse oder Einschnitte im Leben. Vielleicht ist sie einfach meine persönlich Prüfung.

Die Angst wurde in den kommenden Jahren immer präsenter in meinem Leben. Schon damals fing es damit an, dass ich nicht mit auf Klassenreisen oder generell in den Urlaub gehen wollte. Selbst die Reiterferien, die damals mein ein und alles waren, bereiteten mir mir irgendwann nur noch Stress und Unwohlsein. Richtig deuten konnte  das damals natürlich niemand. Auch für meine Eltern war das alles unverständlich und es gab auch weiterhin Familienurlaube. Aber irgendwann akzeptierten sie mein Verhalten wohl als Teil der Pubertät.

Mit dieser kamen bei mir allerdings weitere unspezifische Ängste dazu. Außerdem entwickelte sich eine Hypochondrie, die bis heute mein größter Feind ist.

Das Kind hat einen Namen: Agoraphobie

Heute weiß ich, dass ich unter Agoraphobie, also umgangssprachlich Platzangst, mit generalisierter Angststörung und eben der Hypochondrie leide. Ausprägungen, die mich am meisten beeinträchtigen, sind Depersonalisation und Derealisation. Das Gefühl der Unwirklichkeit, als würde man sein Leben als Film sehen oder träumen, belastet mich stark und löst Angst in mir aus, die sich bis zur Panik steigern kann. Besonders in Situationen, die von meinem Alltag abweichen und neu für mich sind, reagiere ich empfindlich und muss mich regelmäßig beruhigen.

Die generalisierte Angststörung ist fast jeden Tag präsent und begleitet mich in vielen Lebenslagen. Mittlerweile kann ich sie deuten, verstehen und habe damit umgehen gelernt. Und weiß, dass beispielsweise körperlich Auslastung eine große Hilfe ist, um ihr entgegenzuwirken. Dennoch sind das ungute Gefühl im Bauch, schweißnasse Hände andere typische Symptome stets ein Teil von mir. Dazu gesellt sich die ständige Suche nach Symptomen am eigenen Körper, die auf eine schwere Krankheit hindeuten könnten und die Angst davor, jämmerlich daran zugrunde zu gehen. Der eigene, bedürfnisorientierte Tagesablauf spielt eine große Rolle für mich

Einige Jahre lang ging es mir so schlecht damit, dass ich meine Heimatstadt nicht mehr verlassen konnte. Ich bekam zwei mal kurz hintereinander eine Panikattacke auf der Autobahn und vermied seitdem das Autofahren. Auch als Beifahrerin. Meiner Beziehung und dem Verhältnis zu meiner Familie der ganz Umstand natürlich nicht gut. Ich versuchte, Einladungen zu umgehen und sagte Verabredungen ab, damit ich meine vertraute Umgebung nicht verlassen musste. An Reisen und Ausflüge mit Übernachtungen war gar nicht mehr zu denken. Viel zu groß die Angst davor, auf der Reise krank zu werden, die Kontrolle zu verlieren und nicht schnell wieder nach Hause in meine „geschützte“ Umgebung zu kommen. Auch die ein oder andere depressive Phase ließ angesichts dessen nicht lange auf sich warten.

Die Angst schränkt mich in meinem Leben stark ein. Ich bin ein neugieriger und interessierter Mensch, der gerne etwas von der Welt sehen  und sie kennenlernen möchte. Aber wie ist das möglich, wenn eine der größten Horrorvorstellungen die ist, ein Flugzeug zu betreten? Die Geräusche, die Enge, kein Entkommen, unbekannte Umgebung, unbekanntes Ziel.

Wie ich lerne, mit der Angst umzugehen

Irgendwann, nachdem ich einen Namen für meinen mittlerweile relativ desolaten Geisteszustand gefunden hatte, wurde mir klar, dass ich damit nicht alleine auf der Welt bin. Langsam aber sicher beschloss ich, selbst etwas an den Umständen zu ändern, anstatt immer weiter zu versinken, um irgendwann das Haus nicht mehr verlassen zu können. Ich hatte einige Termine bei Psychologen und Psychiatern, die allerdings nur auf zwei Optionen hinausliefen: Klangschalentherapie und Räucherstäbchen oder Dauermediaktion mit Psychopharmaka. Ich war von beidem nicht wirklich überzeugt und beschloss vorerst, auf Hilfe dieser Art zu verzichten. Ein Notfallmedikament, welches mir an besonders schwierigen Tagen zur Seite steht, konnte mir auch mein Hausarzt verschreiben, der mir, im Gegensatz zu einigen der „Spezialisten“ auch mal zuhörte.

Was mir persönlich sehr hilft, ist die Inspiration durch Menschen, für die Reisen und Lebensfreude das normalste der Welt sind. Ich schaue gerne Video-Blogs und Reiseberichte, widme mich vermehrt auch mal oberflächlichen Dingen (was ich früher nie getan habe) und versuche mir ins Bewusstsein zu rufen, dass ich mein Leben dazu nutzen möchte, um Neues zu entdecken, Erfahrungen zu sammeln und die Welt zu erleben. Durch die Angst habe ich mir genug Chancen entgehen lassen.

Inzwischen habe ich es geschafft, wieder Tagesausflüge zu unternehmen. Ich kann längere Strecken entspannt Auto fahren und auch mit dem Zug bin ich inzwischen wieder unterwegs – wenn auch nur Kurzstrecke. Mein Radius hat sich dennoch für meine Verhältnisse stark vergrößert. Ich habe gemerkt, dass der einzig richtige Weg der der Konfrontation ist, wenn auch der anstrengendste und vermutlich längste.

Ich möchte die Angst nicht mehr verstehen lernen, sondern sie endlich in den Hintern treten. Meinen Alltag gestalte ich beispielsweise so, dass ich möglichst wenig Zeit zum Grübeln habe und mich körperlich und geistig auslaste. So halte ich schlechte Gedanken meistens in Schach.

Angst – etwas Besonderes?

Glaubt man einer Studie der Lakehead University (Kanada), so sind diejenigen unter uns, die sich stets Sorgen machen, intelligenter, als unsere sorgenfreien Zeitgenossen. Man vermutet, dass auch die sprachliche Gewandtheit bei stark ängstlichen Menschen positiv beeinflusst wird.

Die israelischen Forscher Tsachi Ein-Dor und Orgad Tal, vom Interdisciplinary Center Herzliya fanden zudem mit Hilfe von Experimenten heraus, dass ängstliche Menschen ihre Intelligenz besser nutzen können. Zudem sollen die Sinnesorgane bei Ängstlern durch die stete Alarmbereitschaft besser ausgeprägt sein.

Ob das auf mich und andere Agoraphobiker zutrifft, sei mal dahingestellt.

Ich persönlich bin allerdings davon überzeugt, dass uns eine Angststörung sensibler macht und zwar nicht nur in Bezug auf uns selbst, sondern auch auf unsere Mitmenschen. Menschenkenntnis und Empathie sind meinen Erfahrungen nach bei Menschen mit einer Angsterkrankung stärker ausgeprägt als bei gesunden Menschen.

Ich kann allen Betroffenen unter euch außerdem nur raten, mit eurer Angst vor die Tür zu gehen. Bleibt damit nicht alleine und schämt euch nicht, euch eurer Umwelt anzuvertrauen. Psychische Erkrankungen sind keine Seltenheit mehr. Auch professionelle Hilfe kann nutzbringend sein, ob mit oder ohne medikamentöser Unterstützung. Sucht euch Menschen, denen es genauso geht, zum Beispiel in Online-Foren oder Selbsthilfegruppen. Gerne könnt ihr auch mir schreiben, wenn ihr einen ähnlichen Krankheitsverlauf oder Fragen habt.

Gebt nicht auf!

Links:

Selbsthilfeforum psychic.de

Online-Beratung der Caritas

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.